Zum Inhalt
„Zweifellos hat sich in diesem sich rasch entwickelnden Fachgebiet in dreißig Jahren viel geändert. Auch wenn man den laufenden Wechsel von Selbstempfehlungsmoden der Managementsberatungsliteratur außer Acht läßt, ist die Organisationswissenschaft heute nicht mehr dieselbe wie die des Jahres 1964. Das muß aber nicht heißen, daß bestimmte Forschungsperspektiven widerlegt oder auf andere Weise obsolet geworden sind ...“ Aus dem Epilog 1994 (Luhmann 1999, S. 398).
Niklas Luhmanns 1964 erschienenes Buch „Funktionen und Folgen formaler Organisation“ zählt zu den Schlüsselwerken der deutschsprachigen Organisationssoziologie. Luhmann verlagert die Perspektive weg von Akteur- und Mittel-Zweck-Betrachtungen auf das soziale System selbst: Organisationen erscheinen als eigenständige soziale Systeme mit eigener Logik und eigenen Strukturen, deren Wirkungen sich nicht auf die Absichten ihrer Mitglieder zurückführen lassen.
Im Zentrum steht nicht der einzelne Akteur, sondern die formale Struktur: die Mitgliedschaft als Rolle, die Generalisierung von Verhaltenserwartungen und die Frage, welche Funktionen Formalisierung erfüllt und welche Folgen sie zeitigt. Der Entscheidungsbegriff, der Luhmanns spätere Organisationstheorie tragen wird, ist hier erst angelegt, noch nicht ausgearbeitet. Schon hier rücken die informalen Seiten des Organisierens in den Blick, also Praktiken, Routinen und Erwartungshaltungen jenseits der Satzung. Sie sind keine bloßen Störfaktoren, sondern Elemente, die mitbestimmen, wie formale Strukturen tatsächlich wirken.
Was den Text bis heute trägt, ist die Verbindung von theoretischer Strenge und genauer Beobachtung der Verwaltungspraxis, in der Luhmann damals selbst arbeitete. Daraus folgt seine doppelte Anschlussfähigkeit. Er weist voraus auf die allgemeine Systemtheorie, die Luhmann zwanzig Jahre später in „Soziale Systeme“ (1984) ausarbeitet, und taugt zugleich für die tägliche Arbeit an Organisationen. Wer so auf eine Organisation blickt, versteht schnell, warum manche Reform an der Oberfläche bleibt. Die Strukturen, an die eine Organisation sich gebunden hat, und die Erwartungen, die sie zusammenhalten, lassen sich nicht per Beschluss austauschen. Aus einer Diagnose von 1964 wird so ein Werkzeug, mit dem sich auch heutige Organisationen schärfer beschreiben lassen.
Dabei sollte man im Blick behalten, dass „Funktionen und Folgen formaler Organisation“ ein frühes Werk ist, entstanden noch vor der vollständigen Ausformulierung der Systemtheorie. Luhmann selbst hat die hier entwickelten Grundgedanken in „Organisation und Entscheidung“ (2000) erheblich weitergetrieben: Der Begriff der Entscheidung rückt dort ins Zentrum, Organisationen werden konsequent als autopoietische Systeme gefasst, und der Anschluss an die späte Gesellschaftstheorie wird explizit vollzogen.
FUFFO liest „Funktionen und Folgen formaler Organisation“ deshalb nicht als abgeschlossenes Dokument, sondern als Ausgangspunkt eines langen Denkwegs, dem wir im Laufe des Projekts folgen werden.
Zum Verlag
Duncker & Humblot, gegründet 1798, ist ein traditionsreicher deutscher Wissenschaftsverlag mit Sitz in Berlin. Niklas Luhmanns „Funktionen und Folgen formaler Organisation“ wurde hier erstmals 1964 veröffentlicht; das Werk erschien in der Schriftenreihe der Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer und wurde seither in mehreren Neuauflagen und unveränderten Abdrucken beim Verlag gehalten.
Aktuell ist das Buch in der 5. Auflage unter der ISBN 978-3-428-08341-1 zu erwerben: Shop
Bibliographischer Datensatz
Im offiziellen Niklas-Luhmann Archiv findet man zu „Funktionen und Folgen formaler Organisation“ einen entsprechenden Datensatz mit weiteren Informationen zum Druck, Verlinkungen in seinen berühmten Zettelkasten und entsprechende Manuskripte.
Buchcover
